08.12.2024 | Rot-Weiß Essen – 1860 München

Traditionsduell an der Hafenstraße: 1860-Fanszene verlässt vorzeitig das Stadion

Stadion: 5/10 Support: 5/10
Kulinarisch: 2,5/10

Am heutigen Sonntag stand ein Traditionskick in der 3. Liga an: Rot-Weiß Essen gegen 1860 München. Die Löwenfans gehören bekanntlich zu den reisefreudigsten Anhängern der Liga und sorgten vor wenigen Wochen mit 3.300 Reisenden für einen bockstarken Auftritt am Tivoli. Auch die Hafenstraße ist für ihre einzigartige Atmosphäre bekannt, die wir heute unter die Lupe nehmen wollten. Leider blieb uns das ganze Potential des Auswärtssupports verwehrt – dazu jedoch später mehr…

Sportlich gesehen war die Ausgangslage vor allem für Rot-Weiß Essen brisant: Beide Teams hatten letzte Woche knapp verloren und waren an der Hafenstraße in Zugzwang. Essen steckte tief im Abstiegskampf und musste punkten, um nicht weiter den Anschluss ans rettende Ufer zu verlieren. 1860 hingegen rangierte im unteren Mittelfeld, konnte aber mit einem Dreier einige Plätze nach oben springen. Beste Voraussetzungen für ein intensives Duell.

Die Anreise war – wie man es vom Ruhrpott erwartet – voller Menschen, die zu unterschiedlichen Veranstaltungen wollten, geprägt. Nach einer Zugfahrt in die Essener Innenstadt, die durch eine zusätzliche Palästinenser-Demo noch voller und lebendiger war, fanden wir nach kurzer Orientierung, den Shuttlebus, voll mit rot-weißen Fans, zur Hafenstraße.

Ankunft am Ground

Nach dem Ausstieg aus dem Shuttlebus führte der Fußweg zusammen mit der rot-weißen Menschenmasse Richtung Stadion. Das Wetter war für einen Dezembertag top, und auf dem Weg reihten sich Essensstände und ein Kiosk/Pinte namens „Hafenstübchen“ entlang eines stillgelegten Gleises ein. Kurz darauf tauchte das Stadion in Sichtweite auf – von außen überraschend modern und etwas steril, fast schon untypisch für den Ruhrpott. Es sah größer aus, als ich es erwartet hatte. Die Lage des Stadions ist fernab von der Innenstadt und liegt gefühlt am Arsch der Welt. Wer nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, kann sich auf einen 75-minütigen Fußmarsch einstellen.

Der erste Eindruck beim Umrunden des Stadions blieb: neuere Betontribünen, verkleidet mit löchrigen silbernen Blechplatten, sehr lang gezogenes Dach bis über die erste Reihe, keine Ecktribünen – funktional, aber wenig Charme. Für einen Verein, der jahrelang zwischen Regionalliga und 3. Liga pendelt, bietet das Stadion mit über 20.000 Plätzen allerdings gute Voraussetzungen. Und wie zu erwarten war die Hütte heute auch gut gefüllt.

Unsere Plätze befanden sich auf der Helmut-Rahn-Tribüne, mit direktem Blick auf den Gästeblock. 20 Minuten vor Anpfiff und trotzdem war dieser aber überraschend leer (Gründe dafür offenbarten sich später und sind hier weiter unten im Blog vorzufinden). Es sah mir nicht mal nach einer vierstelligen Anzahl aus. Klar, Sonntagsspiele sind für Auswärtsfahrer oft unbequem, und Essen ist nochmal ein Stück weiter entfernt als Aachen. Trotzdem wirkte der Block merkwürdig verlassen und irgendwie hatte ich das Gefühl, hier könnte noch etwas anderes Einfluss gehabt haben.

Auf der gegenüberliegenden Osttribüne, Heimat der RWE-Fanszene, war hingegen alles angerichtet. Drei Blöcke wurden mit rot-weißen Ponchos bestückt, dazu ein Banner mit der Aufschrift: „RWE war wer – RWE ist wer – RWE bleibt wer.“ Zum Einlaufen der Mannschaften rundete eine Wimpel-Blockfahne in dem mittleren Block das stimmige Bild ab – optisch ein echter Hingucker.

Zurück im Gästeblock regte sich immerhin etwas Bewegung: Spät eintreffende Münchner Anhänger brachten noch eine große Zaunfahne mit der Aufschrift „1860 München“ an – die für mich allerdings immer den Eindruck erweckt, als wäre sie in einer Grundschul-AG bemalt worden. Zwei Trommler und ein Vorsänger waren auch mit dabei.

Support während des Spiels

Nach der gelungenen Choreografie im Heimbereich hatte ich auf ein akustisches Feuerwerk gehofft – doch das blieb aus. Die Stimmung im RWE-Block war in der ersten Halbzeit zwar solide, aber insgesamt unter meinen Erwartungen. Das 0:1 zum Ende der ersten Halbzeit durch einen Elfmeter trug sicher nicht zur Motivation der Heimfans bei.

Auf der anderen Seite machte der Gästeblock trotz eines zu dreiviertel gefüllten Blocks anfangs einen ordentlichen Eindruck. Es gab melodische Gesänge, eine Hüpfeinlage und zwei Trommler, die für Struktur sorgten. Zum Ende der Halbzeit kippte jedoch die Atmosphäre merklich. Nach dem man „Fußballfans sind keine Verbrecher“ angestimmt hatte, begann die Szene, ihre Sachen zu packen: Zaunfahnen, Trommeln, Fahnen – alles wurde abgebaut. So wie es aussah diskutierten Anhänger mit dem Fanbeauftragen und beschwerten sich lauthals. Einige Tritte gegen den Zaun des Gästeblocks unterstrichen, dass vereinzelten Fans etwas gewaltig gegen den Strich ging. Sympathisch fand ich den Vorsänger, der hoch ging und auch dem oberen Teil des Blocks wohl erklärt hat, was hier Phase ist.

Die Szene verließ geschlossen das Stadion. Gründe für den Protest und das Verschwinden war wohl krasses und unverhältnismäßiges repressives Verhalten von Seiten der Polizei. Schon am Bahnhof soll willkürlich Pfefferspray eingesetzt worden sein. Am Stadion spitzte sich die Situation dann durch überzogene Kontrollen und das Wegsperren einiger Fans weiter zu. Grund dafür sollen Kleinigkeiten wie das Kleben von Aufklebern gewesen sein. (Quelle: Kommentare unter meinem Tiktok zum Verlassen der 60er Fans und faszination-fankurve.de) Das erklärt auch die auffälligen Lücken im Gästeblock, denn es haben nicht alle Anhänger der Münchener den Weg ins Stadion geschafft.

Wenn dem so ist und danach sieht es aus, dann ist das Verhalten der 1860-Fans komplett nachvollziehbar, auch wenn das bedeutet, dass man den Support für die eigene Mannschaft einstellt. Es soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben, dass es sich dabei nicht um ein isoliertes Problem handelt. Mehrere Fanszenen von Auswärtsvereinen hatten ebenfalls ihre Schwierigkeiten in jüngere Vergangenheit mit der Polizei Essen. Vielleicht regt jetzt der Protest der Löwen ein Umdenken im Bezug auf deeskalierendes Verhalten bei der Polizei in Essen an. Die Hoffnung bleibt ein treuer Begleiter…

Zum Spielgeschehen selbst gibt es eigentlich nicht viel Positives zu sagen – zumindest aus Sicht von Rot-Weiß Essen. Nach einer roten Karte und zwei weiteren Gegentreffern in Hälfte Zwei – stand am Ende eine klare Niederlage zu Buche, die den Abstiegskampf weiter verschärft. Während die Ultras von Essen trotz allem bis zum Schluss versuchten, die Mannschaft vor ihrem Block wachzurütteln und für die kommenden Spiele aufzubauen, war auf der Haupttribüne die Geduld längst am Ende. Dort wurde die schlechte Leistung der Spieler mit lautstarken Pöbeleien quittiert – ein deutlicher Kontrast zum bedingungslosen Rückhalt der aktiven Fanszene.

Für die Fans von 1860 München bedeutete das Verlassen der Ultraszene in der Halbzeit natürlich das Ende eines organisierten Supports. Dennoch gab sich der verbliebene Rest im Gästeblock Mühe, mit klassischen Fangesängen, Schlachtrufen und – wenig überraschend – einigen Pöbelgesängen gegen Rot-Weiß Essen eine gewisse Stimmung aufrechtzuerhalten. Der Nachmittag war letztlich auch für die Löwenfans alles andere als ein Highlight, zwar gewann man auf dem Platz deutlich, aber dennoch hätte man diesen gerne anders gefeiert, als mit einem halb leeren Auswärtsblock.

Die Rückfahrt gestaltete sich etwas holpriger, da man zum Altessener Bahnhof aufgrund der Demo in der Innenstadt umgeleitet wurde. Weiterhin mussten alle Insassen unseres Busses nach 5-minütiger Fahrt aussteigen, damit der Busfahrer den Bus hochpumpen konnte, bevor er schließlich weiterfuhr. Am Altessener Bahnhof angekommen ging es mit der U-Bahn weiter Richtung Essener Hauptbahnhof. Dieser und die Züge waren überfüllt, aber dennoch ging es ohne weitere Zwischenfälle heile nach Hause.

Kulinarisches Repertoire

Die Stadionwurst war leider so enttäuschend wie das Auftreten der Kicker in Rot-Weiß – leidenschaftslos, ohne Feuer (sprich kalt) und kam aus einer Alu-Fettschale. Geschmacklich auch wenig Charakter. Definitiv eine der schlechtesten Stadionwurst, die ich bisher verzehren durfte.

Ein Schluck Bier hätte das ja retten können, aber auch das Stauder Pils enttäuschte auf ganzer Linie. Eine maue Suppe mit seltsamem Nachgeschmack, die mich nicht überzeugt hat. Aber gut, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden, und vielleicht trifft es hier ja den Geschmack des Ruhrpotts.

Auch die Organisation war bisher in den anderen Stadien deutlich charmanter und fanfreundlicher gelöst. Zwei Stände direkt nebeneinander, aber eine Wurst und ein Bier von einem Stand zu holen, war zu viel Aufwand für den Veranstalter. So hieß es, entweder mit einer Wurst mit Senf an der Bierschlange anstehen oder mit einem Bier in der Hand auf die Wurst warten und versuchen den Senf auf die Wurst zu balancieren.

Das restliche Angebot war: Schnitzelbrötchen, Frikadelle, Fritten und Currywurst. Allerdings ohne eigene Verkostungsnotiz – das Wurst-Bier-Duo hatte mir für diesen Nachmittag gereicht.

Zusammenfassung

Rot-Weiß Essen empfing 1860 München in einem traditionsreichen Drittligakick im Stadion an der Hafenstraße. Das Stadion war von der Lage und dem Fußballcharme wenig überzeugend. Auch die Vorfreude auf einen stimmungsvollen Schlagabtausch wurde schnell getrübt. Laut Zeugenaussagen kam es bereits am Essener Hbf zu unverhältnismäßigem Verhalten der Polizei Essen. Es wurde Pfefferspray und Schlagstöcker gegen die 1860-Fans eingesetzt. Weiterhin wurden überzogene Einlasskontrollen durchgeführt und aufgrund des Klebens von Aufklebern wurden Fans nicht ins Stadion gelassen. Insgesamt führte es dazu, dass die Fanszene der Löwen sich dazu entschied, ihren Support noch vor der Halbzeit einzustellen und geschlossen den Gästeblock zu verlassen.

Der Heimbereich hingegen konnte mit einer soliden Choreo aus Ponchos und Wimpel-Blockfahne für ein gelungenes Bild sorgen. Blieb aber für mich hinter meinen Erwartungen zurück. Das 0:3 hat natürlich sein Teil dazu beigetragen.

Die Stadionwurst war auch ein herber Schlag in die Magenkuhle. Kalt, geschmacklos und wenig Charakter. Das Bier (Stauder) war zwar kühl wie die Wurst, aber das war auch schon der einzige Lichtblick.

Trotz vieler Negativität war der Tag an der Hafenstraße ereignisreich und aufregend.

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